Komposition [von lat.compositio - Zusammensetzung], gedanklich konzipiertes und ausgearbeitetes, schriftlich festgehaltenes und auf Grund des Notentextes klanglich reproduzierbares Musikstück. Zwischen Komposition, sowohl als Vorgang wie als vergegenständlichtes Ergebnis kompositorischer Arbeit verstanden, und Improvisation gibt es mehrere Zwischenstufen, etwa die schriftlose Überlieferung ausgearbeiteter Stücke. Komposition im engeren Sinn gilt als eine besondere Erungenschaft der europäischen Musikgeschichte, die sich, nach Ansätzen in der einstimmigen Kunstmusik seit dem 9. Jahrhundert, mit der Mehrstimmigkeit seit dem 12. Jahrhundert entfaltet. Geschichtlich und soziokulturelle Grundlage für die Entstehung von Komposition ist die Wandlung der ständigen Gesellschaft durch Aufkommen von Bürgertum, Warenwirtschaft und neuzeitliche Stadt, was den Austausch und die Vermischung vorher streng gegeneinander abgegrenzter Musizierbereiche (Bauern-, Spielmanns-, Kirchenmusik) fördert und den musikalischen Anspruch steigert. Komposition hebt die Wechselwirkung von Spontaneität und Regelhaftigkeit auf eine höhere Stufe und beschleunigt Neuerungen der Musiksprache. Denn vorgegebene musikalische Regelsysteme und Modelle werden nun, als schriftlich festgehaltene, überschaubarer und handhabbarer; festhalten läßt sich auch die Abweichung von der Regel und die Schaffung neuer Regeln. Musikalische Tradition ist so nicht mehr nur starres Festhalten und überliefern von Normen und Wertsystemen, sondern schließt selbst Veränderungen in sich ein. Komposition verstärkt die Loslösung von unmittelbarer sozialer Gebrauchsbindung und ermöglicht die bewußte, subjektive auswählende und filternde, zielgerichtete Verarbeitung verschiedenartiger politischer, kultureller, künstlerischer Erfahrungen.

Der Komponist wird Subjekt, des Komponierens, das sich im Verlauf der Musikgeschichte immer mehr als eigenständiger Beruf abspaltet, auch wenn Komponisten personell weiterhin musizierend tätig sind. Das jeweilige Regelsystem für Komposition ist in Kompositionslehren (Kontrapunkt-, Harmonie-, Rhythmus-, Melodie-, Instrumentationslehre) festgelegt und theoretisch formuliert; prägend wirken aber weiter mündliche, handwerkliche Überlieferungen und als musterhaft anerkannte Meisterwerke. Dabei hinkt nicht durchweg die Theorie der Praxis nach; nicht selten werden Neuerungen vor ihrer kompositorischen Verwirklichung erst einmal theoretisch entworfen; Theorie wirkt, hemmend oder fördernd, aktiv auf Komposition ein. Komposition setzt sich mit dem jeweils gegebenen historischen System von musikalischen Material und Sprache auseinander. Dazu gehören Tonsystem und -ordnung, zeitlich-rhytmische Gliederung, Stimmführung und Akkordbildung, Tonsatz und Satztechnik, Differenzierungsmöglichkeiten von Besetzung, Klangfarbe, Tempo, Lautstärke, Artikulation und Vortragsweisen, Formmodelle und Formungsprinzipien; der Komposition vorgegeben sind ferner Verfahren von Textbehandlung, Gattungen, der stand von Notenschrift und Musikdenken sowie soziale Funktionen und Hörerbezüge der Musik. Komposition erfüllt dieses jeweils geltende Normensystem und bereichert, erweitert und erneuert es zugleich. Komposition gipfelt in der Kategorie des in sich vollendeten, originalen, von seinem Urheber abgelösten “Werkes”. Diese spielt seit der Renaisance eine wachsende Rolle in der europäischen Kunstmusik. Auch die Strömungen, die heute das geschlossene Werk in Frage stellen, setzen Komposition voraus.

Ein charakteristisches Merkmal der europäischen Musikgeschichte als Kompositionsgeschichte ist es, daß immer wieder bislang improvisierte, praktischer Gebrauch überlassene Momente des Musizierens (z.B. Verzierungen, Tempo- und Lautstärkengrade) von Komposition ergriffen und festgelegt werden. In der elektronischen Musik erreicht dieser Prozeß insofern eine neue Stufe, als nun auch die elementaren Eigenschaften des Tons (Höhe, Dauer, Lautstärke, Klangfarbe) und die klangliche Realisation selbst rational durchorganisiert, komponiert werden können.

Für den gegenwärtigen Stand von Komposition bezeichnend ist die bereits in der Entstehung von Komposition keimhaft angelegte Tendenz, daß Materialien, Musiksprachen und Regeln verschiedenster historischer und geographischer und sozialer Räume zugänglich und verfügbar geworden sind.